Dienstag, 4. Dezember 2012

Katalonien, ein neuer europäischer Staat


Philip Plickert schreibt am 4.11.2012 im Wirtschaftsteil der FAZ (Fragmente):
Die Nerven liegen blank in Spanien.
In Katalonien sind die Zustimmungsquoten für einen eigenen Staat stark gestiegen. Waren vor einigen Jahren höchstens 30 Prozent dafür, so sind es jetzt mehr als die Hälfte. Auch die Wirtschaft unterstützt den Kurs. Jüngst ergab eine Umfrage der Vereinigung der kleinen und mittleren Unternehmen, dass rund 67 Prozent einen unabhängigen Staat wünschen. Selbst die Großindustrie ist nicht abgeneigt. „Die Strategie der Zentralregierung passt nicht zu den katalanischen Bedürfnissen“, sagt Carles Sumarroca, Chef des multinationalen Baukonzerns Comsa Emte und Vorsitzender eines einflussreichen Wirtschaftsverbands. Die Zentralregierung investiere zu wenig in Katalonien. Als Beispiel dafür nennt er die Infrastruktur. Fast alle schnellen Bahnstrecken verlaufen sternförmig nach Madrid. Sumarroca hält einen eigenen Staat für eine „interessante Alternative“. Pharmaunternehmer Albert Esteve sagt es noch deutlicher: „In einem unabhängigen Staat ginge es uns besser.“
„Eine stark diversifizierte und mittelständische Wirtschaftsstruktur, dazu Fleiß und Innovation“, das sind laut Mas-Collel die Merkmale seines Landes. „Wir träumen davon, so etwas wie die Deutschen des Südens zu sein.“ Der Unterschied zu Madrid liege auf der Hand, sagt Staatssekretär Albert Carreras, auch er ein früherer Ökonomieprofessor: „Madrid ist eine staatsbasierte Gesellschaft, Katalonien ist marktorientiert.“
So sehr die Katalanen „Nationalisten“ sind, so sehr betonen sie zugleich ihre Europa-Orientierung. Ihr neuer Staat kann nur in der EU funktionieren. „Die Hauptsache ist, wir bleiben in der EU und im Binnenmarkt“, sagt [der katalanische] Präsident Mas. Wie an allen offiziellen Gebäuden hängt an seinem gotischen Palast neben der katalanischen und der spanischen die EU-Fahne. Der katalanische „Nationalist“ ist bereit, weitere Kompetenzen an Brüssel abzugeben, wenn er nur von Madrid freikomme. „Wie Brüssel uns behandeln wird, wissen wir nicht, aber wir wissen, wie Madrid uns behandelt“, sagt er. Es klingt unversöhnlich.

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