Mittwoch, 13. März 2013

“Zum spanischen Wesen oder Spaniertum umerziehen” oder das Vergehen, die Sünde, ein Katalane zu sein

Im Jahre 1960 geboren zu sein gibt mir die Möglichkeit eine Unmenge an Erinnerungen hervorzurufen, darunter, die eines 6 jährigen Jungen, der jeden Morgen im Schulhof das Lied „Cara la Sol“ mit erhobenen Arm singen musste, als wäre es ein Spiel, während eine Fahne, rot und gelb, am Fahnenmast hochgezogen wurde.
Aus dieser Zeit ist auch eine Fotografie eines gehorsamen Schülers, der vor einer Dekoration steht, auf der Bücher zu sehen sind, im Hintergrund ein grosses Fenster mit Zypressen, die längs eines Bächleins gemalt wurden, dann sieht man da eine Büste von Cervantes und eine politische Landkarte von Spanien. Eine schwarz-weiss-Fotografie, gefärbt durch Zeit und Erfahrung mit traurigen Anilinfarben.

Damals waren es die Pflichtfächer, wie Religion, die ihren Schwerpunkt auf die Sünde und die Schuld legte oder auch die sogenannte Ausbildung des nationalen Geistes, der von Hass und Angst geprägt war, um den Schülern einen spanischen Nationalismus für immer einzubleuen.
Heute jedoch höre ich ähnliche Botschaften unter der gleichen Fahne, die den Adler zwar versteckt hat, obwohl es allen klar ist, dass der Adler seine Krallen sehr stark geschärft hat.
So kehrt das Land, ein Land erfunden und erdichtet, wieder zurück in das schwarz-weisse Bild mit Anilinfarben gefärbt, durch die starke Hand eines Kulturministers der sich ¨Wert“ nennt. „Ja, unser Interesse besteht darin, die katalanischen Schüler zum Spaniertum „españolizar“ zu erziehen“.
Ich war ein katalanischer Schüler, der auf eigenartige Weise „españolizado“ also „spanisiert“ wurde. Meine Mutter, gebürtig aus Granada, heiratete meinen Vater, gebürtig aus Zamora, und einige Zeit später wurde ich in der Stadt Badalona geboren. Die katalanische Sprache wurde vom regierenden spanischen Nationalismus verfolgt, in der Schule wurde nur kastilianisch gelehrt und gesprochen und der Lehrinhalt wurde uns aus den Enzyklopädien Alvarez gegeben, eine Enzyklopädie, die zu meinen positiven Erinnerungen gehört. Die Zeit jedoch liess die Hälfte der Lügen, der Zwänge und des Hasses gewisser Lehren verwehen oder vergessen. Dazu verhalfen gute Lehrer, die nicht Katalanen waren, eine liebende und intelligente Mutter, die die Nachbarn bat, doch mit mir und meinem Bruder katalanisch zu sprechen und nicht zuletzt ein andalusischer Grossvater, Repulikaner und ehrlich bis in die Knochen.
Die katalanischen Nachbarn jedoch sprachen mit uns kastilianisch. Wer weiss, wieviel Höflichkeit dabei war und wieviel Angst, die verbotene Sprache nicht zu sprechen, ihre eigene Sprache, denn ihre Hautpsünde war Katalane zu sein und in Katalonien katalanisch sprechen zu wollen. Fällt vielleicht einem die Idee ein, einem Menschen aus Kastilien zu verbieten, seine Sprache, kastilianisch in Kastilien zu sprechen ? Heute ist die Erinnerung sehr gering und man weiss nicht mehr, dass nicht nur die Republikaner verfolgt wurden, sondern auch die Katalanen und das nur, weil sie Katalanen waren. Einige haben dies sehr schnell vergessen oder eine neue Geschichte erfunden.
Ich wuchs in einem Land auf, dessen Bestreben es war, die katalanischen Kinder zu „españolizar“ hispanisieren. Obwohl ich nicht katalanisch sprach, musste ich mich daran gewöhnen als „polaco“(vergleichbar mit dem deutschen abwertenden „Polack“ für Menschen aus Polen) bezeichnet zu werden. Mit 20 Jahren legte ich meinen obligaten Militärdienst ab. Dies führte mich nach Sevilla, und dort konnte ich ein bisschen katalanisch sprechen mit eben jenen Katalanen, die mich nicht kannten. Als ich dann vom Militärdienst zurückkehrte, begann ich meine zweite Sprache, das Katalanische zu kultivieren, trotz und gegen ein Francoregime, das man bereits tot glaubte, eines „zum Spanischtum“ erziehenden Kulturwesens, trotz und gegen alle, die uns „polacos“ nannten, als ob dies ein Witz sei, und man nicht erkennen könne, dass in diesem Wort all der uralte Hass ausgespuckt wurde, ein Hass den Spanien gegen alles empfindet, was anders ist nicht nur ein Hass, sondern auch der Eifer, allem seinen Stempel aufzudrücken, einfach sich über alles hinwegzusetzen und es glatt zu walzen.

Ich begann katalanisch zu sprechen,willentlich und aus der Überzeugung heraus, dass diese Sprache auch meine eigene Sprache sein soll, genauso wie die andere, weil ich in einem Land lebte, in dem alle dort ansässigen Menschen integriert wurden, einem Land, dem während vieler Jahren die Essenz, die Grundlage geraubt wurde, seine Essenz, die Basis, eine Nation zu sein.
Und dies will nichts gegen Spanien aussagen, gegen ein ideales Spanien, das immer von der Meseta und den Grenzbezirken aus bombardiert wurde. Dieses Spanien, das ebenso integrierend war, wie es Katalonien ist, und das stolz auf seine Vielfalt ist. Jedoch hat es den Anschein, dass dieses Spanien heute völlig unmöglich ist.
Während der sogenannten, schlecht benannten, - weil als Begriff unzureichend- , Transición in Spanien, dem Übergang vom Francoregime zur Demokratie, gab es Beispiele in denen ein Dialog stattfand, und in diesem Umfeld wurde das spanische Grundgesetz ins Leben gerufen, ein Grundgesetz, das mit der francofreundlichen Oligarchie und dem mit dem Francoregime durchsetzten Militärapparat ausgehandelt und erarbeitet wurde. Trotz alledem konnte man vermuten, dass es einen Rahmen für ein Zusammenleben ergeben würde. Jedoch die Politisierung der Gerichte beendete diesen Traum und ein manipuliertes und in Mitgliedern dezimiertes Verfassungsgericht bewies, dass das,was von einem Parlament gewählt und von einer Mehrheit der Bevölkerung gegengezeichnet wurde, von einer Handvoll Richtern verworfen werden kann. Ist das Demokratie??

Am 11. September 2012 ging ein Volk auf die Strasse, ein Volk das müde war von drei Jahrhunderten des Unverständnisses, müde, des immer weiterschreitenden demokratischen Rückschritts in der spanischen Politik, müde der Korruption in der politischen Kaste, müde der Finanzkrise. Es ist nicht das Geld, das die Fahnen der Unabhängigen bewegt, nein es ist die Würde eines Volkes, das Tag für Tag von diesem alten Kastilien, das sich Spanien nennt, mit Füssen getreten wird. Und was ist die Antwort auf diese Manifestation? Die Antwort ist die Beschimpfung, Beleidigung und wieder die Angst. Die Antwort besteht darin, die Schwestersprache weiterhin mit Füssen zu treten, es ist diese Haltung eines miserablen Kain, die durch die geschichtliche Entwicklung geht, was Spanien sein könnte und doch heute nur ein spanischer Staat ist.
Heute sagt man uns, dass wir nicht souverän sind, dass wir nicht unsere Zukunft entscheiden können, weder die Katalanen, die katalanische Väter haben, noch die Katalanen, deren Väter aus Kastilien, Extremadura, Andalusien stammen....
Das ist die spanische Demokratie, auf kastilianisch geschrieben, mit dem Schmerz dessen, der an eine wirkliche Demokratie glaubte, und sich heute frägt: auf was warten die Manifestanten des 15 M (am 15.Mai 2011 wurden in einer riesigen Manifestation die Zentralplätze in allen Grosstädten des Staates Spaniens, ganz besonders in Madrid und Barcelona, von Demonstranten eine Woche lang besetzt), auf was warten die wirklichen Demokraten, um auf Strassen und Plätzen den Hass, die Intransigenz und die Uniformität anzuprangern?

Ich bin Lehrer für kastilianisch in Barcelona, meine Schüler sprechen beide Sprachen mit gleichem Stolz und das Kastilianische sogar besser als die Mehrheit der Kinder in Kastilien. In meinem Kastilianischunterricht gibt es keine Ideologie, sondern Reflexion, Nachdenken. Nachdenken über die schöne und reiche kastilianische Sprache mit einer literarischen Tradition, die weit über dem politischen Streit unserer Tage liegt. Meine Schüler brauchen niemanden der sie „españolizar“ (zum spanischen Wesen umerzieht). Meine Schüler wollen frei wachsen und Demokraten sein, die als Personen akzeptiert werden und nicht als potentielle Wähler. Meine Schüler sind Katalanen in einem integrierenden, alles umfassenden Schulwesen, wo die Verbindungssprache das Katalanische ist, die eigene Sprache Kataloniens. Dieses Katalonien, das spanische Nation hätte sein können, aber nun europäische Nation sein muss, was sie immer war, geführt von einem Unabhängigkeitsstreben, dessen Wurzeln man jedoch ausserhalb Kataloniens suchen muss, nämlich in der stetigen und steigenden Intoleranz.

Wie schade, dass im Rest Spaniens so wenig Empatie, Einfühlungsvermögen, so wenig Fähigkeit besteht, das zu verstehen, was verschieden ist.
Morgen, am 12.Oktober (dem spanischen Nationalfeiertag) werde ich nicht Euer Unverständnis feiern. Katalane zu sein, war für viele Katalanen die einzige Art, Spanier zu sein. Die einzige Form für einen Katalanen ist heute: Europäer zu sein.

Ich bin kein Nationalist, die Nationalisten sind der Kulturminister Wert oder Präsident Rajoy, der zu allem schweigt. Ich bin Katalane, mein Vater ist aus Zamora, meine Mutter aus Granada. Ich werde mich weder besonders freuen noch werde ich mich teilen, wenn die Unabhängigkeit kommt. Ich bin Katalane und werde für die Unabhängigkeit wählen, in der Hoffnung, dass wir eines Tages mit Spanien in guter Nachbarschaft leben werden, denn schliesslich und endlich bin ich Lehrer für kastilianisch, die Sprache, die Andere spanisch nennen.
Francisco Javier Cubero Egea ist in Badalona (Barcelona, Spanien im Jahre 1960 geboren.
Er hat an der Universität von Barcelon das Lizenziat in spanischer Philologie erworben und ist technischer Spezialist für graphische Kunst. Gegenwärtig entwickelt er seine Lehrtätigkeit innerhalb des Studienprogrammes für die höhere Stufe der graphischen Kunst in der Escola Elisava, ein Zentrum, das zur Universität Pompeu Fabra gehört. An der Schule Col.legi Santa Teresa de Lisieux von Barcelona, lehrt er Sprache und Literatur.
Er ist Autor verschiedener unveröffentlichter Gedichtbände und seine Gedichte sind sowohl in verschiedenen, spanischen Zeitschrifen erschienen als auch in Zeitungen in Argentinien, Kolumbien, Mexico oder Peru. Cubero hat das Buch :“El corazón de limo“ ( Das Herz aus Schlamm) veröffentlicht. (Barcelona: Paralelo Sur Ediciones, 2007)

Er ist Schöpfer und Herausgeber des Internetportals eldigoras.com und Direktor der Literaturzeitschrift „Paralelo Sur“ die halbjährlich in Papierausgabe in Barcleona erscheint.
Er hat diesen aussergewöhnlichen Text geschrieben, den der Kultusminister, Herr Wert unbedingt lesen sollte. Jedoch glaube ich nicht, dass er es tun wird, da er“ wichtigere“ Dinge zu tun hat....

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