Samstag, 11. Mai 2013

Katalonien und Spanien



Ein merkwürdiges Argument der Gegner der Selbständigkeit Kataloniens heißt, daß diese unfair gegenüber Spanien wäre. Das würde aber heißen zu behaupten, daß die Befreiung einer Geisel, für die wir ständig Lösegeld bezahlen, unfair gegenüber den Geiselnehmer ist. Die Unabhängigkeit Kataloniens ist schlicht und einfach eine Frage des Überlebens.

Sie würde für Spanien zwei Arten von Traumata verursachen, und beide wären heilbar: ein psychologisches und ein wirtschaftliches. Was das psychologische betrifft, würde für viele die Abtrennung Kataloniens als eine schwere Schmach, als ein Affront an der nationalen Würde empfunden werden. Für einen heutigen deutschen Leser ist es bestimmt sehr schwer sich vorzustellen, wie weit das Pathos des spanischen Nationalgefühls reicht. Es ist sicher nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand auf seine Heimat stolz ist. Das Problem entsteht aber, wenn dieser Stolz auf ewiggestrige, verkehrte Gründe basiert, und jede Ablehnung dieser Überheblichkeit seitens der anderen als Beleidigung der spanischen Nation interpretiert wird. Es ist eine Mentalität, die in einen von der Diktatur sehr verbreiteten und sehr gelobten Satz gipfelte: Spanier zu sein ist eine der wenigen ernsten Sachen, die man in dieser Welt sein kann. Das hat damals den Spott der Katalanen geradezu herausgefordert.

Die Katalanen wollen keine Feindschaft mit Spanien. Im Gegenteil sie streben ein freundschaftliches Verhältnis an, das für beiden Seiten fruchtbringend sein kann.

Was den wirtschaftlichen Aspekt betrifft, wäre eine der Folgen für Spanien, daß ohne die Quelle der Gelder aus Katalonien seine Regierungen gezwungen wären, die Ressourcen des Landes vernünftiger zu verwalten und von unrentablen Projekten abzusehen, wie jene die in diesem Bericht erwähnt worden sind. Wenn die spanischen Regierungen rationell reagieren und die Reste alter Träume imperialer Größe abwerfen würde, hätte Spanien immense Entwicklungsmöglichkeiten; es verfügt über ein außerordentliches Human-potential und jeder weiß, daß der größte Aktivposten eines Landes seine Bevölkerung ist.

Durch entsprechende Reformen könnte der Überhang an Beamten und Mitarbeiter der öffentlichen Hand, die eine sehr gute Qualifikation haben, in anderen schon vorhandenen Gebieten der Produktion und Dienstleistungen Anwendung finden.

Spanien hat noch daniederliegende Regionen, die bis heute zu einem subventionierten Nichtstun verurteilt sind und dank der vorhandenen Infrastrukturen, der internationalen Verbindungen, und des wichtigen Finanzpo-tential der großen Geldinstitute aufgerichtet werden könnten.

Auch die große Menge an Spekulationskapital (sei es legal, sei es schwarz), könnten in die Entwicklung des Landes neu investiert werden. Die Risiken dabei wären nicht grösser als jene, die zur jetzigen Krise geführt haben.

Das alles würde aber heißen, dass Spanien bei der Hypertrophie der öffentlichen Verwaltung vieles abbauen müßte (überflüssige Ministerien und Institutionen, mangelnde Kontrolle des Schmarotzertums und der überflüssigen Ausgaben, organische Doppelfunktionen zwischen Zentralstaat und autonomische Regionen etc.). Dazu käme die Vermeidung von unsinnigen Prestigeprojekten wie der radiale AVE, durch nichts zu rechtfertigende Flughäfen und die Funktionsduplizität von subventionierten Autobahnen neben mautfreien Schnellstraßen. Diese Regeneration des ganzen spanischen Systems würde eine große Freistellung von Ressourcen darstellen, die für vernünftige Ausgaben und Investitionen verfügbar wären.

So ein neues Spanien könnte weiter über Hilfe der verschiedenen Euro-päischen Hilfsfonds empfangen, während Katalonien Nettozahler werden würde.

Wenn in Spanien, nach Ende der jetzigen Krise, alle genannten Reformen und Änderungen verwirklicht werden würden, würden die Spanier (so das umlaufende bonmot) sich vielleicht bei den Katalanen noch bedanken, sie von einem so ärgerlichen Ballast wie Katalonien befreit zu haben.




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