Montag, 1. Juli 2013

Katalonien: Europas rebellische Regionen

 
Der niederländische Schriftsteller Geert Mak ist mal ein ganzes Jahr durch Europa gereist auf der Suche nach der europäischen Befindlichkeit: wie die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt, wie sie uns verbindet und trennt. Das Erste, was Mak in Katalonien einfiel, war die Feststellung, Barcelona sei „eine schlampige Frau mit wundervollen Augen“. Die Stadt, schreibt Mak, habe ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst: schöne Bauwerke und furchtbar hässliche Viertel, alles in katalanischer Sprache. Was auffalle: die Abwesenheit Spaniens.
Das stimmt. Anna Arqué hasst einfach alles, was mit Spanien zu tun hat. „Wir haben nichts zu tun mit diesen Leuten“, sagt sie und winkt ein Taxi herbei. Jeder demokratische Staat hat ja ein Legitimitätsproblem, wenn auf einem Teil seines Gebietes eine entschlossene Unabhängigkeitsbewegung aktiv ist, und das Problem des spanischen Staats heißt Anna. Ohne irgendeiner Partei anzugehören, hat sie die demonstrierenden Massen auf die Straße gebracht, inklusive ihrer Mutter.
2009 ging es mit Märschen im Land und Demonstrationen in Brüssel los, zwei Jahre später sprachen sich über eine Million Katalanen bei einem inoffiziellen Referendum dafür aus, Katalonien solle über die Loslösung von Spanien abstimmen. Die meisten hatten vorher nie einer politischen Bewegung angehört. Vergangenen Februar stimmte das katalanische Parlament für das Referendum, das die spanische Verfassung verbietet: 2014 soll es kommen.
das die spanische Verfassung verbietet: 2014 soll es kommen.

Harte Männer, depressive Ehefrauen

Wenn ein Land ein Problem mit einer aktiven Unabhängigkeitsbewegung hat, wird jede kluge Regierung versuchen, diese durch Verhandlungen aus der Welt zu räumen. Die spanische nicht. Alejo Vidal Quadras, der das Kriegsrecht verhängen wollte, hat jüngst mit der Guardia Civil gedroht, der paramilitärischen ehemaligen Franco-Polizei. Sollten die Katalanen wirklich Wahlurnen aufstellen, werde die Guardia Civil diese beschlagnahmen. Der Ton ist rau geworden in Spanien. Hier ist der Prozess der Bildung einer Nation nie vollendet worden. Madrid ist Madrid, und Katalonien ist Katalonien. Die Haltung der spanischen Regierung, schreibt Mak, erinnere an die Reaktion von Männern, die bei Beziehungsproblemen ihren weinenden und depressiven Ehefrauen entgegenhalten: Es ist doch alles in Ordnung, Schatz. Worüber regst du dich so auf? Wir führen doch eine ganz wunderbare Beziehung!.
 
Auf der Suche nach den Separatisten lernt der Reporter tatsächlich vor allem starke Frauen kennen. Mütter der Nation eben. Der Präsident der größten Universität Barcelonas, der Audienz gewährt, ist zwar ein Mann, aber nicht wirklich ein Freiheitskämpfer. Unter riesigen Ölgemälden mit mittelalterlichem Personal sitzt er und spricht über sein Erweckungserlebnis: „Ich schrieb einen Aufsatz über kollektive Identität und habe mich gefragt: Gibt es die?“ Da wurde er zum Separatisten. Seine Untergebene, die Dekanin des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts, ist für Sachargumente zuständig.

Träume von Prosperität

Elisenda Paluzie hat sich eine halbe Stunde freigeschaufelt, wir werfen uns Zahlen an den Kopf. Katalonien hat mehr Menschen als Belgien oder Dänemark, rechnet die Dekanin vor; in Europa käme ein souveränes Katalonien an neunter Stelle; wenn die Steuer nicht mehr an Madrid abgeführt werden müsste, brächte das dem Haushalt einen Nettozufluss von 13 Milliarden Euro. Im Jahr! Und was ist mit dem Berg spanischer Staatsschulden, davon müsste sich Katalonien doch auf der anderen Seite einen Teil aufladen? Ja, sagt die Dekanin: „Genauso wie einen Teil der spanischen Goldreserven.“
Die dürften zwar sehr viel weniger wert sein, aber dieser Einwand wirft die Ökonomin nicht um. Genauso wie die Frage nach einem möglichen Boykott katalanischer Waren. „Ja, in den ersten Jahren würden die Spanier unseren Cava stehenlassen und Champagner trinken.“ Aber so einen Boykott habe es schon einmal gegeben, und in dieser Zeit sei das Export-Verhältnis gekippt: Jetzt verkaufen die Fabriken mehr Cava ins außerspanische Ausland.

Die anderen sind an Spanien schuld

Wenn Katalanen über Spanier sprechen, klingt da immer etwas Merkwürdiges mit: Fleißige auf der einen Seite, Faule auf der anderen. „Die Katalanen blickten auf die Andalusier herab, als wären diese Halbschwarze“, schrieb George Orwell in seinem Bürgerkriegs-Epos „Mein Katalonien“. Rassismus weisen die Katalanen weit von sich. Sie verweisen auf Argumente.
Anna erzählt die Geschichte vom spanischen Zugstreckennetz. Eine geplante Güterwaggonstrecke solle nicht am Mittelmeer entlangführen wie es sinnvoll wäre, sondern quer durch die spanische Provinz, nur weil die Madrider Politiker den Katalanen wieder mal eins auswischen wollten, so sieht sie das. Gegen teure Bahnstrecken demonstrieren auch die Arbeitslosen in Spaniens Süden. Im Taxi bringt der Reporter das andalusische Reichendorf Sotogrande ins Gespräch, wo sich hinter Schranken Pools und Palmen reihen, und vor den Schranken türmt sich der Müll. Das schockt Anna Arqué gar nicht. „In Andalusien haben die Kinder kostenlose Schulbücher“, sagt sie und kneift die Augen zu Schlitzen zusammen.

Solidarität mit allen außer Spanien

Ach, es tut gut, abends mit Jordi in einer Kneipe im Arbeiterviertel Sants zu sitzen. Es gibt Separatistenbier, auf dem Etikett prangt das rot-gelbe Wappen Kataloniens mit dem blau-weißen Stern der Unabhängigkeitsbewegung. Es tut auch gut, wenn man einem Freund seine Fragen stellen kann: Ist dieses „Los von Madrid“ nicht sehr egoistisch von den Katalanen? Ohne Katalonien stürzt Spanien ab. Jordi war schon immer links. Er demonstriert gegen alles. Tritt gerade einer Genossenschaft bei, die sich mit grünem Strom versorgt. Und glaubt an die internationale Solidarität. Nur mit Spanien nicht.
Jordi sagt, jede Woche höre er von einem, der seine Stelle verloren hat. Der Anteil der Wirtschaftsleistung, den Katalonien an die Zentralregierung abführt, ist viel höher als der Bayerns im deutschen Länderfinanzausgleich. „Solidarität hat ihre Grenzen“, sagt ein anderer Linker am Separatistentisch. Für die Katalanen ist diese Krise eine des Nationalstaats. Der in weiten Teilen Ödland ist. Ein souveränes Katalonien wäre die Chance, da rauszukommen.
Das katalanische Parlament liegt in einem riesigen, wunderschönen Park. Wie eine grüne Lunge saugt er den Dreck der Innenstadt auf. Der Palast war mal das Waffenarsenal der Festung von Bourbonen-König Philip V., Ende des 18. Jahrhunderts gebaut, um die besiegten Katalanen in Schach zu halten. Der Sitzungssaal im ersten Stock ist sehr schön. Neben Gehölz und Samt steht der Generalsekretär der katalanischen Regierungspartei CiC Josep Rull und berichtet, dass Franco den Saal einst zusperren ließ: um den Katalanen zu zeigen, dass sie ihn mal konnten.
 
Quelle: F.A.S.

0 comentaris:

Kommentar veröffentlichen