Samstag, 20. Juli 2013

Offener Brief an die Jury des Marion Dönhoff Preises 2013

So war es im letzten Jahr: Der tschechische Außenminister und Vizepremier Karl Schwarzenberg erhielt am 2.Dezember 2012 im Hamburger Schauspielhaus den Marion-Dönhoff-Preis 2012 für internationale Verständigung und Versöhnung. Die Stifter des Preises, die Wochenzeitung «Die Zeit», die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und die Marion Dönhoff Stiftung hatten entschieden, sein unverdrossenes Eintreten für ein modernes Europa sei vorbildlicht. Er zähle im Sinne von Gräfin Dönhoff zu den "Menschen, die wissen, worum es geht"», sagte der Vorsitzende der Jury, Theo Sommer. Die Laudatio hielt Wolf Biermann.


So wird es, vorausgesetzt die Jury entscheidet sich für den historisch besten Vorschlag, in diesem Jahr sein: Der katalanische Exiliant, Poet, Komponist und Sänger Lluis Llach erhält am 1.Dezember 2013 im Hamburger Schauspielhaus den Marion-Dönhoff-Preis 2013 für internationale Verständigung und Versöhnung. Die Stifter des Preises werden sein unverdrossenes und vorbildliches Eintreten für ein freies Europa gleichberechtigter Menschen und Nationen loben. Denn er zähle im Sinne von Gräfin Dönhoff zu den "Menschen, die wissen, worum es geht"», wird der Vorsitzende der Jury, Theo Sommer, herausstellen. Die Laudatio hält Till Stegmann.




Als seinerzeit die Großelterngeneration der heutigen Meinungsmacher deutscher Medien singend und mordend durch Europa zog, traf ihre ganz besondere Verachtung jene kleineren Nationen Europas, die sich ungebeten erdreistet hatten, auf Kosten der preußisch-deutschen und österreichisch-deutschen Imperien für ihre nationale Eigenstaatlichkeit zu sorgen und sich so gleichrangig neben die Deutschen zu stellen. Als erstes nahmen die Nazis die Tschechen unter die Stiefel. Dann die Polen. 

Als erstes? Nein, die Wehrmacht hatte schon anderswo geübt, die Legion Condor schon das baskische Guernica bombardiert, und gerade Barcelona, die Hauptstadt der Katalanen. Diese Barbarei feiern wir ja bis heute, denn ihr ist immer noch in Berlin die Spanische Allee gewidmet. Dem letzten katalanischen Präsidenten Lluis Companys nahm die Gestapo im besetzten Frankreich die Freiheit, deportierte ihn nach Madrid, ließ ihn von Franco foltern und ermorden. Die Eliten der katalanischen Nation gingen ins amerikanische Exil und gründeten dort ihre Casals. Zuhause wurde die katalanische Nation zerstört. Nicht ganz. Wegen Menschen wie Lluis Llach. 

Die Tschechen waren bei den Deutschen keineswegs beliebter als die Katalanen bei den Spaniern. In seiner Laudatio auf Karl Schwarzenberg stellte sich der deutsche Liedermacher aus jüdischem Hause Wolf Biermann bei der letztjährigen Preisverleihung dennoch nicht im Geringsten in die Tradition deutscher Tschechenverachtung. Schon gar nicht kam er auf die abstruse Idee, Herrn Schwarzenberg klarzumachen, dass er ja eigentlich gar kein Tscheche sei, sondern Deutscher und dass es eine tschechische Nation ja sowieso gar nicht gäbe. Dafür hätte er im Hamburger Schauspielhaus auch keinen Applaus bekommen. Nicht mehr.

Ganz im Gegensatz dazu erfreut sich die Katalanenverachtung in den Redaktionsstuben deutscher Zeitungen weiterhin großer Popularität. Warum geben die Katalanen aber auch keine Ruhe? Eine katalanische Nation existiert doch nicht wirklich, wird dort in frankistischer Tradition geraunt. Und Nationen seien sowieso nicht mehr up to date. Schon gar nicht die kleinen, kleinere als die deutsche. Kleine Nationen sind nationalistisch. Große Nationen sind postnational. Fazit: Nicht die andauernde spanische Hegemonie über ihre katalanischen Nachbarn sondern der Widerstand dagegen steht unter Verdacht. Eine Katalanische Allee in Berlin? Das fehlte noch!

Am allerliebsten schweigt man die Katalanen tot. Ganz Im Geiste Francos. So schwätzt zuletzt die Print-Ausgabe der ZEIT vom 4.7.2013 eine ganze Seite lang von dem "spanischen Prinzen" Pep Guardiola. Das tatsächlich historische Concert per la Llibertat vom 29.6.2013 im randvollen Camp Nou Stadion in Barcelona aber, zugleich Ehrung der Lebensleistung von Lluis Llach und Vorbereitung auf die katalanische Menschenkette am 11.9.2013, verdient aus Hamburger Sicht keine Zeile Druckertinte. Schon den 11.9.2012 - Tag der größten politischen Demonstration Europas nach 1945! - hatte die ZEIT-Redaktion aus der Print-Ausgabe gelöscht.

Warum? Möchten die offensichtlich besonders deutschen postnationalen Nachwuchsjournalisten Ihren verqueren Selbsthass auf wehrlose Nationen projizieren? Oder leiden die Enkel der Nazi-Generation in den Redaktionen der deutschen Zeitungen in Wahrheit nur unter Phantomschwerz? Vermissen Sie - weiterhin imperial geeicht wie ihre Vorväter - die alte Leichtigkeit, mit der man über Tschechen, Polen und Juden herziehen konnte? Wenn man diese nun nicht mehr offen verhöhnen darf, sondern sie stattdessen zu bepreisen hat oder als Laudatoren einladen muß, hat man dann nicht wenigstens im Verein mit Spanien Spaß am Katalanen-Bashing?

Ach was! In Deutschland wird doch heute nicht mehr zwischen Nationen selektiert. Auch die Deutschen haben sich doch an eine pluri-nationale EU gewöhnt. Gerade durfte zum 1.Juli 2013 Kroatien beitreten. Am selben Tag übernahm Litauen die Präsidentschaft des Europäischen Rates. Sie wird den Deutschen am 11.9.2013 - am Tag der katalanischen Menschenkette! - die baltische in Erinnerung rufen. Die ZEIT wird diesmal sogar davon berichten. Auch Deutschland ist lernfähig. Jawohl. 

Wir Deutschen bombardieren Barcelona doch nicht noch einmal. Auch die Ermordung katalanischer Präsidenten und die Vertreibung der Katalanen ins Exil nach Mexiko und Argentinien wird irgendwann von uns nicht mehr als zivilisatorischer Gewinn auf dem Weg zum post-nationalen Europa gewertet. Eines nicht mehr allzu fernen Tages wird sich sogar die politische Redaktion der ZEIT dazu durchringen, den Präsidenten der Republica Catalana um ein Interview zu bitten. In katalanischer Sprache! 

Im Jahr 2013 wird der Muster-Europäer und Komponist der Soldarnosc-Hymne Lluis Llach also doch nicht nur im Camp Nou von Barcelona geehrt. Nein, auch im Hamburger Schauspielhaus. Die Stifter des Marion Döhnhoff Preises werden Lluis Llach dankbar sein, da sie durch ihn in neuem Glanz erstrahlen. Denn die Jury, die diesen Sommer über den diesjährigen Preisträger entscheidet, wird ein Einsehen haben. Auf der Höhe der europäischen Zeit. Bravo!

Dr.Martin Schulte

Gründungsmitglied des Casal von Berlin


1 comentaris:

  • dingodog says:
    20. Juli 2013 um 08:30

    Ich glaube nicht, dass die Abneigung der deutschen linksstehenden Öffentlichkeit gegenüber dem Unabhängigkeitsstreben unterdrückter Völker mit Nazikeulen-Argumenten reduziert werden kann. Die Logik, dem deutschen Nationalismus einen übergreifenden Internationalismus entgegenzustellen, ist erstmal bestechend und hat zur heutigen Europapolitik geführt.

    Dieser Logik bin ich selbst lange gefolgt, dann in den 90ern langsam von ihr abgekommen, aber mehr emotional als rational. Erst seitdem ich die Kernidee von Leopold Kohr's "Breakdown of Nations" verstanden hatte, glaube ich, dass es auch eine sehr gute übergreifende Begründung gibt, warum kleine Nationen, auch neue, eine gute Sache sind. Seine Idee bzw. Beobachtung ist, dass Staatenbünde aus sehr ungleichen Partnern (wie z.B. die EU heute) entweder zu einem autoritären Zentralstaat mutieren oder auseinanderfallen. Staatenbünde aus vielen kleinen Teilstaaten dagegen sind meist sehr stabil, z.B. wie die Schweiz oder die USA.

    Um Symphatien für die Sache der Katalanen, Schotten, Südtiroler, Venezianer, Korsen etc. zu gewinnen, muss also der linken (und auch konservativen) Öffentlichkeit klargemacht werden, dass nur durch deren Freiheit die EU zu einer dauerhaft stabilen Struktur werden kann. Eine Nebenfolgerung ist natürlich, dass diese Nationen auch mehr Unterstützung füreinander zeigen sollten als zur Zeit sichtbar ist, und eine weitere Folgerung die, dass auch Nationen wie Deutschland oder Frankreich sich irgendwann in dieser Form weiterentwickeln.

    Jürgen Schwarz, Berlin

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