Donnerstag, 12. September 2013

Reportage Katalanische Menschenkette, Abschnitt 193









Trotz des schlechten Wetters bewegt sich eine Autolawine von Barcelona aus Richtung Süden. Familien mit kleinen Kindern, Großeltern, junge Leute, vollgepackte Busse, sind unterwegs zur Menschenkette für ein unabhängiges Katalonien. An den Raststätten dominiert Gelb und eine festliche Stimmung. Keiner hastet, keiner drängelt vor in den langen Schlangen an der Kasse.






Die 400 Küstenkilometer Kataloniens sind in zwei Kilometer lange Abschnitte eingeteilt worden. Unser "Kettenabschnitt" ist Nummer 193 in Riudoms. Riudoms liegt rund einhundert Kilometer südlich von Barcelona. Der kleine Ort mit sonst 1700 Seelen hat noch nie so viele Menschen auf einmal empfangen. Die Bauern haben ihre Felder als Parkplätze den vielen Städtern überlassen. Rotgelb gestreifte Fahnen mit einem weißen Stern auf blauem Hintergrund, die sogenannte Estelada, das Symbol der Unabhängigkeitsbewegung, wehen am Rande der Äcker und auf dem Dorfplatz. Zum Mittag sitzen Besucher und Einwohner in den kleinen Dorfrestaurants beisammen. Es gibt viel auszutauschen. Bis hierher sind wir gekommen, jetzt gibt es keinen Weg zurück, sagen die meisten. Wir sind in einem kleinen Hostal, "La Perla". Während des Essens erhebt sich ein älterer Mann im gelben T-Shirt und stimmt mit warmer, voller Stimme ein katalanisches Volkslied an, "Dolçe Catalunya, patria del meu cor" (Geliebtes Katalonien, Heimat meines Herzens), als er durch die Gaststube schreitet. Beim Refrain stimmen alle mit ein, mein Tischnachbar wischt sich unauffällig eine Träne aus dem Auge.






Um 16.30 Uhr stehen wir auf unserem Straßenabschnitt. Immer wieder kommt ein junger Freiwilliger des Katalanischen Nationalvereins (ANC) vorbei, um sicherzugehen, dass jeder an seinem Platz ist. Die Sonne strahlt, die Stimmung steigt, Kinder sitzen auf ausgebreiteten Estelades und winken den Fernsehhubschraubern zu. Genau um 17.14 Uhr (im Andenken an den Verlust der katalanischen Unabhängigkeit im Jahre 1714) stehen wir dann mit allen diesen Menschen und vielen mehr, soweit mein Auge reicht, auf der Landstraße und geben uns die Hand. Auf den Abschnitten sind Gigaphone installiert worden, so dass jeder den Ansprachen von katalonischen Künstlern und Organisatoren der Menschenkette in Barcelona folgen können.






Jetzt heißt es halten, damit jeder Abschnitt fotografiert werden kann, damit es später nicht heißt, wir wären nicht dort gewesen, dass Unabhängigkeitsbestreben sei nur ein politisches Manöver, damit die ganze Welt weiß, dass wir dort sind, um unser demokratisches Recht auf Selbstbestimmung zu erkämpfen.






Die Rückfahrt geht schneller als erwartet, alles ist gut organisiert: Polizisten lenken die Wagen auf die Autobahn, kein Stau, keine waghalsigen Überholmanöver, die Mautstation ist kostenlos. Ich schaue in die Autos, die wir überholen: ruhige, glückliche Gesichter und schlafende Kinder.

Krystyna Schreiber



























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