Montag, 11. November 2013

Es geht weder um die Sprache noch ums Geld



Neulich sprach ich mit einem amerikanischen Journalisten, der sich seit Kurzem für die Nachrichten aus Katalonien interessiert. Er sagte mir mit aller Aufrichtigkeit, dass er nicht viel über unser Land wüßte, aber dass er sich noch vor seiner Landung recht gründlich informiert hätte. Seiner Aussage nach wollte er herausfinden "warum ein Teil der Spanier nicht mehr Spanier sein will". So drückte er sich zumindest aus und ich antwortete ihm, dass es nicht darum ginge, eine Identität abzulehnen oder diese zu verschmähen, sondern darum, dass ein Volk Demokratie ausüben dürfe.


Als wir beim Thema waren, kam der amerikanische Journalist auf die von der Unabhängigkeitsbewegung oft genannte "steuerliche Ausbeutung" zu sprechen, und ich stellte fest, dass er sich bereits über die grundlegenden Zahlen informiert hatte. Mit diesen Daten in der Hand las er vor, was die meisten von uns bereits verinnerlicht haben: dass das strukturelle Defizit Kataloniens bei 8,5 % des katalanischen BIP liegt, was jährlich rund 16,5 Milliarden Euros in den letzten drei Jahren bedeutet. Er hatte sich auch damit beschäftigt, wie die interregionale Solidarität letztlich Katalonien schädigt, das nämlich nach dem Autonomienausgleich um sieben Positionen abfällt, weil es das sogenannte Prinzip der Ordinalität nicht erfüllt. "Der Widerspruch - fügte ich hinzu - beruht darin, dass die Autonomien, die am wenigsten zum Reichtum des Landes beitragen, über mehr staatliche Mittel pro Kopf verfügen als die Autonomien, die am meisten an die Gemeinschaftskasse abgeben."


Daraufhin wurde er nachdenklich und fragte mich nach dem gescheiterten Versuch eines neuen Fiskalpakts mit der Zentralregierung und stellte schließlich befriedigt fest: "Ich verstehe: das katalanische Unabhängigkeitsstreben ist ein Interessenproblem so wie es in Italien mit der Liga Norte der Fall ist." Daraufhin erwiderte ich sofort, dass wirtschaftliche und steuerliche Argumente durchaus eine große Rolle in der Unabhängigkeitsbewegung spielen und viele Bürger überzeugt haben, aber es ein Fehler wäre, den Zuwachs von Verfechtern der Unabhängigkeit nur auf diese Faktoren zurückzuführen. Ich schlug ihm vor, seine Sichtweise zu erweitern, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Der Amerikaner lächelte und holte mehr Papiere aus dem Koffer. Anschließend begann er mit einer recht wahrheitsgetreuen Zusammenfassung der katalanischen Kulturgeschichte mit Erwähnung des El Tirant (Der Tyrann), dem Kloster von Montserrat, der katalanischen Renaissance, der sprachlichen Integrierung in der Bildung und der Gründung des Fernsehsenders TV3. In seinem iphone hatte er Lieder von Raimon, Lluís Llach, Sopa de Cabra und Manel dabei, die er nicht verstand aber die ihm sehr gefielen. Man hatte ihm auch ein Kapitel von Dallas mit katalanischer Synchronisation gegeben - welches er auf seinem ipad mitgebracht hatte - und einen langen Ausschnitt des vielfach prämierten Kinofilms "Pa negre".


Er lächelte weiter: "Vielleicht habe ich mich vorhin nicht richtig ausgedrückt; ich wollte damit sagen, dass der Geldbeutel zwar wichtig ist, aber ich mir schon dessen bewusst bin, dass die Identität Kataloniens auf einer Kultur und Sprache aufbaut, die nicht spanisch sind." Ich hörte ihm fasziniert zu. Er sprach vom Minister Wert und den Ereignissen in Bezug auf die aragonesische Regionalregierung, denn er wollte zeigen, dass er über alles informiert war und brachte die Sache schließlich auf den Punkt: "Einverstanden, das Unabhängigkeitsstreben ist eine Frage der Sprache und Kultur, es geht darum, deren Verfall zu vermeiden, ähnlich wie in Quebec." Er dachte, dass er dieses Mal ins Schwarze getroffen hätte, aber ich widersprach ihm. Ich gab die offensichtliche Bedeutung des katalanischen Nationalismus zu, aber wies ihn darauf hin, dass die Katalanen keine Scheidung von Spanien verlangten, nur um ihre Kultur zu schützen.


Der amerikanische Journalist hörte auf zu lächeln. Er war verärgert. Wenn es weder um das Geld noch um die Sprache ginge, was bewege denn dann einen Großteil der Katalanen dazu, eine Volksabstimmung zu verlangen? Er schaute mich dabei wie ein Pokerspieler an und warf schließlich sein As in die Runde: "Ich glaube, ich verstehe: das Unabhängigkeitsstreben ist vor allem eine Frage der Macht. Das Ziel ist, eine Flagge in den Vereinten Nationen zu haben, über eigene Botschaften zu verfügen, mit Brüssel auf einer Ebene zu stehen, sagen zu können, dass Barcelona eine Staatshauptstadt ist und ...". Ich unterbrach ihn und sagte ihm freundlich, dass er auch dieses Mal im Irrtum sei. Um die derzeitige katalanische Realität zu verstehen, müsse man eine Dimension betrachten, die nie erwähnt wird, aber die wesentlich bedeutsamer als Fragen wie Wirtschaft, Kultur oder Macht ist.


Das Unabhängigkeitsstreben - erklärte ich ihm, während er mitschrieb - ist an erster Stelle eine moralische Frage. Diese Frage wächst aus der Tatsache heraus, dass das Katalanische aus Sicht der spanischen Staatsmacht schon immer eine anormale und fehlerhafte Form des Spanischen war und ist. Wenn das Katalanische eine an sich schon verdächtige Identität in einem Spanien mit kastilischen Wurzeln sei, müsse versucht werden, diese aufzulösen, zu ersticken und sie vor allem aus jeglichen Machtbereichen auszuschließen. Vor wenigen Jahren wurde ein öffentliches Kaufangebot durch ein katalanisches Unternehmen an ein spanisches mit dem Aufschrei "lieber deutsch als katalanisch" blockiert. Der Katalane lebt immer mit dem Mangel, dass er nicht spanisch genug ist, auch wenn er kein Nationalist ist. Der amerikanische Journalist fiel aus allen Wolken. Ich fügte hinzu, dass die Beziehung zwischen den Basken und den Kastiliern nichts mit diesem Schema zu tun hätten, was zum Beispiel durch die Tatsache, dass niemand den Fiskalpakt von Navarra oder Euskadi in Frage stellt, deutlich wird.

Das katalanische Unabhängigkeitsstreben ist eine moralische Frage. Es wird durch wirtschaftliche, kulturelle und politische Argumente, die Madrid täglich liefert, genährt, aber es geht um viel mehr. Es ist eine moralische Frage, denn es ist für uns Katalanen wichtig, nicht mehr unsere Identität erklären zu müssen, als ob wir kleine Kinder wären. Wer nicht diese tiefliegende Dimension dieses Konfliktes versteht, wird auch nicht verstehen können, was heutzutage tausende Katalanen und Katalaninnen bewegt. Mein Besucher hat es verstanden.



Francesc-Marc Álvaro
 
 
 
 

 
 
 
 

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