Montag, 6. Januar 2014

Liebe Caspar, Melchior und Balthasar (Wunschbrief an die Heiligen Drei Könige aus dem Orient)



Ich schreibe Euch aus Katalonien, einem Land, das heute noch zum Königreich Spanien gehört. Eigentlich lebt es sich hier ganz gut. Die Menschen sind freundlich, anfangs vielleicht ein wenig distant, aber wahre Freunde, wenn man sie für sich gewonnen hat. Sie sind ein fleißiges Händlervolk, fast so wie die Menschen im Abendland. Bald ist es 300 Jahre her, daß die Katalanen am 11. September 1714 nach der Belagerung und Kapitulation Barcelonas durch den Borbonen Philipp V all ihre Rechte als eigenständiges Volk verloren haben. Seitdem ist es ihr Ziel, diese Rechte auf dem friedlichen Weg zurückzugewinnen. Dabei erreichten sie streckenweise staatsähnliche Befugnisse, erlitten aber auch viele Rückschläge, zuletzt unter dem faschistischen Diktator Francisco Franco, der Spanien zwischen 1939 und 1975 regierte und sogar die katalanische Sprache per Dekret verbot. Ihr wißt ja, wie die stolzen Spanier sind: sie wollen bestimmen und dulden keine Konkurrenz an ihrer Seite. Heute verstecken sich genau die Politiker, die noch vor drei Jahren das Grundgesetz ‘bei Nacht und Nebel‘ änderten, um mit EU Geldern das Scheitern ihrer Politik verschleiern zu können, hinter Gesetzen und Paragrafen, um sich nicht dem Grundsatz jeder demokratischen Ordnung stellen zu müssen, dem Gang zu den Urnen. Deshalb möchte ich Euch am heutigen Dreikönigstag, dem Tag, an dem Ihr alle spanischen und viele katalanische Kinder mit Euren Gaben beschert, um Eure Hilfe bitten.

Obwohl Spanien vor 35 Jahren offiziell zu einer Demokratie wurde, werden die Gesetze in Madrid selbst heute noch so gelesen und gemacht, wie die Zentralregierung sie braucht, um Katalonien, aber zum Beispiel nicht das Baskenland oder Navarra, nach wie vor mit Abgaben zu erdrücken, sein Wachstum zu bremsen, oder um weder Land noch Leute mit seinen eigenen politischen und kulturellen Merkmalen anzuerkennen. Laufend werden den Katalanen Versprechungen gemacht, die danach nicht eingehalten werden, jüngst nahm man sich sogar vor, die katalanischen Kinder mehr zu ‘verspanischen’. Katalanische Gesetze, zum Beispiel zur Abschaffung des Stierkampfs, werden durch ranghöhere spanische Gesetze einfach wieder außer Kraft gesetzt, u.s.w. Die Liste der Erniedrigungen ist ellenlang. Dabei geht es längst nicht mehr um Solidarität oder, wie die Spanier es gerne darstellen, darum, daß die Katalanen nicht mehr bereit wären, die ärmeren Regionen Spaniens zu unterstützen. Es geht ganz einfach nur um das Protzen mit Macht.

Der spanische Ministerpräsident Rajoy ist ein ehemaliger Grundbuchbeamter, der kein Englisch spricht und wie eine Marionette die Interessen seiner Partei vertritt. Er verbildlicht jedoch nur die Spitze des Eisbergs des Hauptproblems beider Länder: die meisten spanischen und viele katalanische Politiker sind nämlich kaum qualifiziert, die Zügel des Landes in ihren Händen zu halten. Dabei spielt es noch nicht einmal eine Rolle, welcher Partei sie angehören. Es sind zum größten Teil Lehrer, die keine Lehrer sein wollen, Polizisten, denen Gesetz und Ordnung zu wenig bedeuten, um sich diesem Beruf ‘in Fleisch und Blut’ zu widmen, Ärzte, die die Medizin nur als sichere, staatliche Einnahmequelle gewählt haben, Bankangestellte, denen ihr Job wenig mehr bringen soll, als finanzielle Rückendeckung, u.s.w. Sie haben sich für diese Berufe, auf Kosten der Steuerzahler, nur ausbilden lassen, um sich ein Sicherheitsnetz zu spannen. Nachdem sie sich dann einen unkündbaren Arbeitsplatz ‘erobert’ haben, erkennen sie ‘plötzlich’ ihre angeblich wahre Berufung, nehmen sich eine ‘Auszeit’ und erklimmen das ‘Trapez’ der Politik. Schließlich können sie dabei nur gewinnen, denn kassieren werden sie in jedem Fall am Ende jeden Monats.

Dabei werden die meisten kaum mehr als ‘graue Politmäuse’, deren größte Tugend es ist, nicht aufzufallen, um so die Karriereleiter langsam aber sicher nach oben zu fallen. Keine Zweifel haben sie bei der Reihenfolge ihrer Prioritäten: als erstes versorgen sie sich selbst, danach die Partei und an dritter Stelle verkaufen sie den Wählern die Illusion, daß sie tatsächlich ihre Interessen vertreten wollen. Das System ist total verkorkst. Ohne die geringste betriebs- oder volkswirtschaftliche Ausbildung oder Erfahrung werden Möchtegern-Politiker auf diese Weise Herrscher über Milliarden öffentlicher Euros, ohne jemals ein persönliches Risiko dafür eingehen zu müssen. In der Folge wird das Geld dann in stimmträchtigen Wahnsinnsprojekten begraben, in Form von Kommissionen für Staatsaufträge in die eigenen oder in die Taschen der Partei geschäffelt, oder zum Aufpumpen von Immobilien- oder sonstigen Blasen verprasst, die danach den Bürgern im Gesicht zerplatzen.

Jetzt will das katalanische Volk engültig seine Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Ich bin Kronzeuge dafür, daß es das über mehr als 35 Jahre mit allen demokratischen Mitteln versucht hat, die ihm zur Verfügung standen, ohne dabei irgend etwas zu zerbrechen, leider immer vergebens. Heute wollen über 80% der Katalanen ganz einfach darüber abstimmen, welche politische Form Ihr Land, auch im Verhältnis zu Spanien, annehmen soll. Um diese transparente, demokratische Abstimmung in Fried und Eintracht zu ermöglichen, wäre Eure Unterstützung, wehrte Majestäten, bestimmt sehr hilfreich, denn der spanische Staat wehrt sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen.



Thomas Spieker

Thomas Spieker ist ein deutscher Staatsbürger, der seit 1971 an der Costa Brava (Katalonien) lebt. Dort war er Unternehmer und Produzent katalanischer Spielfilme. Heute kommentiert er in diversen katalanischen Publikationen die lokale und nationale Lage seiner Wahlheimat.

Katalanische

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