Dienstag, 29. April 2014

Begründung des Vorschlags Lluis Llach gegenüber den Stiftern des Preises





Sehr geehrte Damen und Herren, 

Ihrem Aufruf, einen Vorschlag für den Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung des Jahres 2014 einzureichen, komme ich hiermit gerne nach.

Vorschlagen möchte ich erneut - wie schon im Jahr 2013 - den katalanischen Exilanten, Komponisten, Poeten und Sänger Lluis Llach. Wie kein anderer verkörpert er mit seiner Lebensleistung den Freiheitsanspruch von Individuen und Nationen, Fundament für die internationale Verständigung und Versöhnung in Europa und anderswo. Das zugleich künstlerische und politische Wirken Llachs gehört dem Aufbegehren gegen alle Varianten des Totalitarismus und Imperialismus, dessen Folgen ja besonders nachhaltig an der inneren und äußeren Peripherie der Europäischen Union bis heute zugleich die Freiheit des Einzelnen und die internationale Verständigung zwischen den Nationen bedrohen.

Llachs Lebensleistung kristallisiert sich in seinem berühmtesten und wirkungsmächtigsten Lied L`estaca: 
Lluis Llachs L`estaca hat als inoffizielle Nationalhymne der Katalanen gegen Franco schon seit den späten sechziger Jahren dazu beigetragen, dass die Süderweiterung des demokratischen Europa in Katalonien mit fruchtbarem Nährboden für die doppelte Befreiung von Faschismus und nationaler Unterdrückung rechnen konnte. Zunächst in der Illegalität und im französischen Exil gesungen füllte sie 1985 das Stadion in Barcelona. Das historische concert per la llibertat von 2013 am selben Ort ist ihr Echo. 
Llach trug aber auch - in Deutschland ist das nicht bekannt! - dazu bei, dass die Osterweiterung des demokratischen Europa von Anfang an auf diesem selben Terrain gedeihte. Denn die Estaca wird wenig später in Polen textlich angepasst und und gesungen von Jacek Kaczmarski unter dem Titel Mury zur Hymne der anti-stalinistischen Solidarnosc. Eine ganze Generation, die den Aufstand auf den Lenin-Werften miterlebte, singt dort dieses Lied. 
Wir im Norden mögen leichtfertig die südliche Ausstrahlung des demokratischen Europa auch jenseits des Mittelmeers sich selbst überlassen. Lluis Llachs Estaca übernahmen allerdings auch die international besonders wachen jungen Tunesier in ihrem Freiheitskampf von 2011. Yasser Jradi besorgte dazu die tunesische Fassung, die unter dem Titel Dima Dima zu einer der Hymnen des Arabischen Frühlings wurde, besonders gesungen von Emel Mathlouthi. Bei Llach trennt das Mittelmeer nicht; es verbindet. 
Während wir aktuell mit großer Sorge die imperiale Regression Russlands beoachten, singt in Moskau die freiheitsliebende Post-Putin-Generation schon seit mehreren Jahren die russische Fassung der Estaca. Unter dem Titel Stieni wurde sie von Kiril Medvedev, Gründer, Sänger und Gitarrist der Gruppe Arkadiy Kots ins Russische übertragen. 
Auch im aus Europa exilierten Judentum ist das historische Gedächtnis wach; auch dort folgt man mit Sympathie dem Freiheitsanspruch der Katalanen; so wurde gerade "Lluis Llachs great Catalan anthem L`estaca" unter dem Titel Der Yokh von der bekannten New Yorker Gruppe The Klezmatics in einer sehr schönen Fassung auf Jiddisch aufgenommen. 

Der Ruf nach politischer Freiheit und Völkerverständigung mit und durch Lluis Llach ist allerwegen quicklebendig. Nur wir Deutschen wissen es nicht.

Wenn im Dezember 2014 in Hamburg Lluis Llach der Marion Dönhoff Preis verliehen wird, gilt diese Ehrung also zugleich allen Freunden der Freiheit, die im Geiste Marion Dönhoffs nicht nur den mühsam erlernten und immer wieder gefährdeten Respekt der Deutschen im Umgang mit den Polen, sondern auch den der Russen im Umgang mit den Ukrainern und den der Spanier im Umgang mit den Katalanen im Auge haben. Mit freundlichen Grüßen

Dr. Martin Schulte
Berlin, März 2014



Links zu Lluis Llach und den erwähnten Versionen der L`estaca:







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