Mittwoch, 18. Juni 2014

Katalonien: Geld oder Identität

An die Friedrich elbert Stiftung, Berlin.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Mit etwas Verspätung habe ich die Studie „Katalonien: Geld oder Identität“ von Ihrem Mitarbeiter Michael Ehrke, Chef Ihres Madrider Büros, lesen können. Meiner Meinung nach kommen in der Studie einige Ungenauigkeiten und problematische Interpretationen vor, die für eine objektive Beurteilung des Problems nicht dienlich sind. Erlauben Sie mir deshalb, dazu Stellung zu nehmen, und ich bitte von vorn herein um Entschuldigung, wenn diese Stellungnahme etwas zu lang wird, aber der Text von Herrn Ehrke lässt nichts anderes zu.

Herr Ehrke behauptet, dass die Gründe der Katalanen sich als Nation zu betrachten (er nennt es „die historische Narrative“) folgende sind: „...die höhere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die ältere und „echtere“ Zugehörigkeit zu Europa, und die jahrhundertelange Ausbeutung der Region durch Kastilien“. Als nationale Differenzierungsmerkmale trifft aber keiner der drei Gründe zu. Ich stimme Herr Ehrke zu, wenn er sagt, dass für die Bestimmung eines Kollektivs als Nation keine objektiven Kriterien gäbe. Es hat aber nur dieses Kollektiv das Recht, sich als Nation zu betrachten und niemand ausserhalb ist befugt dieses Recht in Frage zu stellen.

In dem Fall Kataloniens besteht die „historische Narrative“ (um mit den Worten von Herrn Ehrke zu sprechen) u.a. aus folgenden zwei wichtigen Faktoren:.

1. Eine von Anfang an (d.h. seit dem Hochmittelalter) andere Entwicklung als die der anderen iberischen Völker in den Feldern: Sprache, soziale Struktur und Gesellschaftsaufbau, Traditionen und Institutionen. Es dreht sich nicht darum, ob wir dadurch besser oder schlechter als andere waren. Wir waren eben nur anders und das wurde von jederman anerkannt, auch von den anderen Staaten in der iberischen Halbinsel.

2. Das historische Gedächtnis, das Bewusstsein -weitergereicht von Generation zu Generation-, dass wir von Spanien/Kastilien nie als gleichberechtigte dazugehörige Mitglieder derselben Nation behandelt wurden, sondern (und besonders seit der gewaltsamen Eroberung während des spanischen Erbfolgekrieges) ständig als ein rebellisch störender Stamm, der mit aller Macht umgeformt und unter Kontrolle zu halten wäre. Das hat sich in den letzten 300 Jahren (Franco war nur eine besonders grausame Episode, aber keine grundsätzliche Ausnahme)in vielerlei Arten der Gewalt und Schikanen manifestiert. Z.B. in wiederholter Waffengewalt (wie Bombardierungen Barcelonas durch spanische Truppen), Verbote der Sprache und anderen Manifestationen der nationalen Identität, und in finanzielle und wirtschaftliche Benachteiligung, die fast kolonialistische Züge gehabt hat. (Die Fortschritte Kataloniens wurden nicht wegen sondern trotz der spanischen Regierungen erreicht).

Selbstverständlich ist die spanische Lesart der Geschichte anders, und darauf basieren wahrscheinlich Herr Ehrkes Theorien. Aber nur jener, der einen Schuh trägt, weiss wo der drückt. Und die heutige Stimmung in Katalonien wäre nicht möglich, wenn der Schuh nicht ganz gewaltig gedrückt hätte, sodass man endlich beschlossen hat, dass es jetzt genug ist.

Und jetzt zu einigen besonders irrigen Punkten der Studie. In der Seite 2, zweite Spalte heisst es: „Ein grosser Teil der Bürger Kataloniens sind ethnische Spanier, die eine ethnisch definierte Sezession abschrecken würde“. Die Unabhängigkeitsbewegung Katalonien ist nicht ethnisch definiert. Es kann das nicht sein, da die Katalanen ein Mischvolk sind, ein Anschwemmvolk, wo viele Völker ihre Spuren gelassen haben, die aber sich mit der Zeit immer problemlos integriert haben. Das war möglich, weil wer uns respektiert hat, von uns auch respektiert wurde. Es zählte immer nur der Beitrag zu der gemeinsamen Anstrengung das Land vorwärts zu treiben. Das ist auch heute so, und das wissen auch die spanischsprechenden Spanier, die in Katalonien leben. Deswegen (trotz der Madrider Propaganda, und bis auf einen minimalen Prozentteil) gibt es keine sozialen „ethnischen“ Spannungen in Katalonien. Es gibt in Gegenteil eine wachsende Unterstützung (auch eine organisierte) der spanischsprechenden Bevölkerung Kataloniens für das Unabhängigkeitstreben des Landes.

Etwas weiter unten stellt Herr Ehrke Behauptungen auf, die bei einem Mitarbeiter Ihrer Stiftung wirklich verwunderlich sind, auch wenn er dafür -um so schlimmer- eine sehr gelehrte Sprache benutzt. Herr Ehrke behauptet a) dass es sich nicht objektiv entscheiden lässt, ob eine Sprache eigenständig oder einen Dialekt ist. Das ist Unfug und die internationale Linguistik ist sich darüber seit vielen Jahren im Klaren. Und b) dass „Spanier, die sich länger als zwei Wochen in Katalonien aufhalten, sich grosse Mühe geben müssen, das Katalanische nicht zu verstehen, und umgekehrt“. Das ist nochmals Unfug. Ein Spanier kann nach 2 Wochen oder nach 2 Monaten (wenn er kein Sprachgenie ist) soviel vom Katalanischen verstehen wie in derselben Zeit portugiesisch oder italienisch in den jeweiligen Ländern. Vielleicht sogar weniger.

Genausowenig ist die Leistungsfähigkeit Kataloniens "das Ergebnis der Investitionsentscheidungen multinationaler Unternehmen". Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die Leistungsfähigkeit Kataloniens liegt hauptsächlich in ihren kleinen und mittleren Unternehmen (das Rückgrat des Landes) und dieses wiederum ist ein Anziehungsfaktor für die internationalen Konzerne geworden.

Herr Ehrke meint, dass die Argumente der Independentisten die Phasen der Solidarität zwischen Katalaner und Kastiliern ausblenden, "etwa bei der Verteidigung der Republik im Bürgerkrieg, oder in der Transición". Dazu folgendes: Die Katalanen sind ein sehr pragmatischen Volk. Seit seine Niederlage im Jahre 1714 hat es immer präsent gehabt, dass die Kanonenübermacht bei Spanien lag, und hat immer wieder versucht sich mit Spanien zu arrangieren. Die Verteidigung der Republik war auch die Verteidigung der damals erreichten Autonomie des Landes, und bei der Transición ging es auch um eine neue Autonomie, also immer um die Wiederkehr der katalanischen Rechte und Institutionen.

Ich glaube kaum, dass Herr Ehrke in der Wirtschaftslehre sehr bewandert ist, sonst wären ihm nicht zwei Fehler passiert. Der defizitäre Fiskalsaldo Kataloniens lässt sich nicht erklären "mit dem einfachen Sachverhalt, dass die Katalanen mehr Steuer zahlen weil sie mehr Geld verdienen". Das richtig zu erläutern würde hier zu lang sein. Nur das sei bemerkt: die Katalanen beklagen sich nicht, weil sie anderen ärmeren Regionen helfen müssen. Sie beklagen sich, weil diese Hilfe von den spanischen Regierungen immer willkürlich zu hoch festgesetzt wird, und dadurch das Land, um ihre Pflichten zu erfüllen, sich immer mehr verschulden muss. Und eine Kompensation durch private Transfers ist wirtschaftlicher Unsinn. Wenn die katalanische Firmen "2011 mit dem Rest Spaniens einen Handelsbilanzüberschuss von 22 Milliarden Euro erwirtschaftet haben", haben sie auch die entsprechende Steuer dafür an Madrid abgeführt. Das ändert nichts an der fiskalischen Abwürgerung der katalanischen Autonomieregierung.

Auf der vierten Seite des Textes, meint der Autor, dass das Problem "...in erster Linie auf der Wirtschaftskrise und der Austeritätspoltik basiert". Diese sind aber nur eine Teilverschärfung des Konfliktes. Dieses ist aber viel komplizierter. Die Angriffe der Zentralregierung auf die Bildungspolitik und die Sprache werden z.B. immer ärger, wobei sich der spanische Bildungsminister J.I.Wert sich besonders unbeliebt gemacht hat. Und unsere Sprache und Kultur, für die soviele Katalanen gelitten haben und gestorben sind, liegen uns besonders am Herzen.

Über die politische Lage in Katalonien scheint Herr Ehrke auch nicht besonders gut informiert zu sein. Er meint, dass sich eine Spaltung unter den Befürwortern der Unabhängigkeit andeutet, und schreibt dass bei Artur Mas und seiner bürgerlichen CiU es in erster Linie um die materielle Besserstellung Kataloniens geht, wobei die Unabhängigkeit die ultima ratio ist. Das traf noch vor etwa zwei Jahren zu aber heute nicht mehr, nachdem alle katalanischen Versuche einer Verständigung an der negativen Haltung der spanischen Regierung gescheitert sind.

Es ist auch falsch, dass die EU und deren Mitgliedstaaten den Katalanen deutlich gemacht hätten, dass sie "nach einer einseitigen Sezession nicht mit einer schnellen Aufnahme oder dem Verbleib Kataloniens in der EU rechnen können". Das haben nur einige Beamten unter grossen Druck der Madrider Vertreter gesagt. Die Sachverständigen (auch Briten und Deutsche) haben in Gegenteil klargestellt, dass es ein nicht regulierter Fall in den europäischen Verträgen sei und eine Lösung "ad hoc" (innere Erweiterung etc.) zu finden sein würde.

Für Ihre Stiftung und für Ihre grossen Verdienste für die Demokratie in der ganzen Welt haben auch wir Katalanen die grösste Achtung und Respekt. Deswegen ist es besonders enttäuschend, wenn eine Studie, die unter Ihrer Schirmherrschaft entsteht, nicht dem Niveau entspricht, dass man von Ihrer Institution gewohnt ist, um es nicht noch drastischer auszudrücken.





Pere Grau. Hamburg
Schriftsteller und Publizist.

1 comentaris:

  • elisabeth says:
    18. Juni 2014 um 12:31

    Ich habe Ihr tekst gelesen, und Ich bin sehr beiendrukt wie
    genau und prasise Sie diese sogenante "Studie" im Grunde wiedelegen zu wissen. Ich schatse Ihre arbeit sehr hoch!

    I am very impressed how you , point afther point , this so called " study" have analised and the errors , that mislied the readets , have set right!

    M'grada expressar el meu gratitut. Es una feina , cada vegada rectificar persones mal informades. ( No sabem que tenen simpatia per el Partido Popular ). Amb molta presicio tu has detectat els "arguments claus " d'aquest " estudi " que no cerresponen amb la Realitat Catalana.
    En el nom de moltes persones:gracies!

    Ik heb grote hoogachting voor Uw antwoord op deze zgn. "Studie" , waarvan de tendens geheel in die van de regering in Madrid is en waarvan de inhoud geheel niey overeenstemd met de Catalaanse Werkelijkheid , dank U !

    Je suis impressione par votre reacion sur cette " etude ", une etude plain d'erreurs. ( intencionee ou fruit de manque de analyser la situacion en Catalogne ).
    J'aimerais dir merci pour votre travail pour la societe Catalane

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