Freitag, 22. August 2014

Wenn ich Schwede wäre

Wenn ich Schwede wäre und mir Reportagen anschauen würde über diese altertümlichen Bräuche mit den Kapuzen und über die religiösen, barock anmutenden Spektakel in den spanischen Straßen -- als ob die Zeit damals stehengeblieben wäre -- hätte ich als potenzieller Tourist einen ersten Eindruck über ein solch exotisches Schauspiel. Danach würde ich die wöchentlichen Nachrichten anschauen und eine Anzeige wegen Betrugs über fast 2000 Millionen Euro sehen wegen falschen Ausbildungskursen in Andalusien; und ich würde dies mit dem jüngsten Bericht der Europäischen Union über Arbeitslosigkeit in Verbindung bringen, in dem sich Spanien neben Griechenland an der Spitze der Liste der Länder mit der höchsten Arbeitslosigkeit befindet; mit sieben Regionen zwischen den ersten zehn in ganz Europa. Die übrigen drei sind zwei in Mazedonien sowie die Kolonialinsel Réunion. Das heißt, das sogar die meisten französischen Überseekolonien besser dran sind, was die Arbeitslosigkeit betrifft, als Spanien. Ich würde auf die von der EU zur Verfügung gestellte Karte schauen und sehen, wie sich im Falle Italiens zumindest das Problem auf den Mezzogiorno konzentriert; im Norden sind die Arbeitslosenzahlen am dritthöchsten. In Spanien hat der Regionshomogenisierungsapparat des Staates einen Rekord erreicht: sogar die wirtschaftlich führenden Regionen -- die Region Valencias, Aragón, die Balearen und Katalonien -- haben eine Arbeitslosenquote von mehr als 20%.

Und es hört nicht auf. Wenn ich Schwede wäre, würde ich mir die Jugend- oder Langzeitarbeitslosigkeit anschauen und sehen wie Ceuta, Melilla, die Kanaren und Andalusien neben den französischen Überseegebieten Guadeloupe, Martinique und Guayana mit ca. 55% die Ranglisten anführen.

Und ich, als Nichtkenner der offiziellen Geschichte, würde denken, dass diese spanischen Territorien genauso wie die französischen Gebiete Kolonien Kastiliens sind, die seit 500 Jahren von der Oligarchie unterdrückt werden und somit in ihrer Entwicklung behindert werden.

Wenn ich die Nachrichten der Woche weiterverfolgen würde, würde ich sehen, dass Spanien auch die meisten Schulabbrecher hat. Das Land hat außerdem die am besten bezahlten Fußballspieler Europas, das am weitesten ausgebaute Schnellzugnetz (AVE) und die höchsten Energiekosten. Ich würde denken: wieso muss ich, lächerlicherweise, zu den 1,27% des europäischen BIP beitragen, die in bodenlose Abgründe wie Spanien geworfen werden? Als Schwede würde ich keinen einzigen Euro zur Aufrechterhaltung zu diesem riesigen Schandfleck namens Spanien beitragen wollen.

Aber wenn ich anstelle Schwede Katalane wäre, müsste ich 8 - 10% des BIP nach Spanien abgeben. Ich würde also denken, dass Europa nicht in der Lage dazu ist, die oligarchischen extraktiven Wirtschaftssysteme -- wie zuallererst Spanien -- zu verstehen und in die Schranken zu weisen; wenn Europa nicht versteht, wieso sich Katalonien als eine der wenigen Regionen, die sich vor dem Desaster retten können, emanzipieren will, dann verdient es auch kein Katalonien, das Interesse daran zeigt, zu einem Europa zu gehören, dass die Starken noch stärker macht und Minderheiten toleriert, die auf Kosten der Schwachen leben. Wenn ich es mir aus einem katalanischen Blickwinkel anschaue, wäre ich lieber kein Schwede. Lieber Norweger.


Josep Huguet
@Josep_Huguet

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