Freitag, 5. September 2014

Betr. Den Artikel vom 21.07.14 „Hundert Argumente für ein geeintes Spanien“ von Inés Baucells

An der Redaktion von ABC, Madrid.

Sehr geehrte Herren!

Ich bitte um Entschuldigung für die Länge dieses Textes, aber ein kürzerer Kommentar würde wenig Sinn machen. Betrachten Sie diese Schrift als die Reaktion vieler Katalanen, die diesen Artikel gelesen haben werden, und auf jeden Fall als die Meinung der Mehrheit der Einwohner Kataloniens (ganz gleich welchen Ursprungs sie sind und welche Sprache sie sprechen), die sich entschlossen haben, die Volksbefragung am nächsten 9. November zu unterstützen. Ich werde versuchen, die Härte meines Kommentars mit der elementaren Höflichkeit, die zwischen gut erzogenen Leute immer normal sein sollte, zu verbinden.

Der Artikel Punkt für Punkt sehr ausführlich zu kommentieren ist in einem Brief dieser Art unmöglich. Ich werde mich darauf beschränken hier festzustellen, dass (aus der Sichtweise der Katalanen und damit meine ich die oben erwähnte Mehrheit) die hundert Argumente des Artikels in drei Kategorien aufgeteilt werden können.

a) Jene die rundweg falsch sind, und die sind die Mehrheit (sowohl aus politischen wie aus wirtschaftlichen oder kulturellen Gründen) obwohl sie der offiziellen Rhetorik der spanischen Regierung getreu folgen. Zu dieser Kategorie gehören u.a. jene die die alte Leier wiederholen, dass ein unabhängiges Katalonien außerhalb der EU, des Euroraums, der NATO, der internationalen Zusammenarbeit der Polizei und der Finanzwelt, ja sogar außerhalb unserer Galaxie bleiben würde. Und außerdem, dass den Ruin des Landes, seiner sozialer Systeme und seiner Arbeitswelt bedeuten würde. Die international anerkannten Experten (und nicht jene die nur von der Stiftung FAES der Volkspartei anerkannt werden) sprechen eine ganz andere Sprache. Oder zu behaupten, dass Spanien der Hauptmarkt für katalanische Waren ist, während heute nur ein Drittel der katalanischen Warenbewegungen bedeutet, eine Menge, die gewiss nicht zu vernahlässigen ist, die aber (sogar in dem Fall eines unwahrscheinlichen spanischen Totalboykotts) innerhalb einer vern´ünftigen Zeitspanne umgeleitet werden könnte.

b) Die Argumente die auf das schlecht informierte spanische Volk zielen aber für die Katalanen bedeutungslos sind. Z.B. die Furcht, dass das Baskenland dasselbe wie Katalonien verlangen könnte (was Sache der Basken wäre, nicht unsere). Oder zu behaupten, dass was im Zukunft geschehen könnte, könnte schlimmer für das internationale Image Spaniens sein. Von unserem Gesichtspunkt her ist das internationale Image Spaniens z. Zt. keineswegs brillant, und wenn die spanische Regierung den Katalanen weiterhin das elementare Recht abzustimmen verweigert (wobei sich auf ein legales, restriktives Kriterium beruft) wird sein internationales Image einen Sturzflug erleiden.

c) Der ziemlich umfangreiche Rest pendelt zwischen Irrelevanz und absoluter Lächerlichkeit. Ob Cervantes seinen Quijote durch Katalonien reisen ließ, oder in Barcelona einen Fußballklub namens „Español“ gibt, oder ob die königliche Familie „eine enge Bindung zu Katalonien hätte“ sind Nebensächlichkeiten, einer so ernsten Sache unwürdig, und in einer Zeitung mit so einer langen Tradition von einem indiskutablen Niveau.


Erlauben Sie jetzt, dass ich meinerseits, nur sechs katalanische Argumente nenne, um sich von Spanien (so wie Spanien heute ist) zu trennen. Ich könnte zwanzig oder fünfzig Gründe nennen, aber ich möchte nicht in den Wettbewerb mit Ihnen zu treten.

1.Seit Mariano Rajoy und seine Partei, mit der Hilfe eines politisierten Verfassungsgerichtes, das letzte Autonomiestatut torpedierten (das vorher schon von den katalanischen und von den spanischen parlament verabschiedet war) und dabei die für die Katalanen wesentlichen Punkten für null und nichtig erklärten, haben die Katalanen vollkommen jegliches Vertrauen in alle Worte oder Versprechen verloren, die von einer spanischen Regierung gleich welcher Couleur kommen könnten.Wir haben gesehen, dass man uns nicht akzeptiert wie wir sind, sondern wie ein spanischer uniformierender Ultranationalismus möchte dass wir wären. Herrn Rajoy ist es gelungen, die katalanische Unabhängigkeitsbewegung auf eine vorher ungeahnt Höhe gebracht zu haben, und den letzten katalanischen versuch einen Platz in Spanien unter für uns akzeptable Bedingungen zum Scheitern gebracht zu haben.

2.Entgegen der Behauptung viele Ihrer „hundert Argumente“ viele der in Katalonien erreichten Fortschritte sind nicht dank Madrider Hilfe erreicht, sondern trotz aller Hindernisse, mit welchen die Zentralregierungen die katalanische Initiative zu bremsen versucht haben, „um unseren Weggang zu verhindern“.

3.Wir Katalanen sind der Meinung, dass wir außerhalb Spanien (ich wiederhole: so wie Spanien heute ist) auf keinen Fall schlechter als jetzt leben können, ganz egal ob wir in der Eu sind oder nicht, mit ihr durch Verträge gebunden, oder in der EFTA.

4.Wir wollen nicht auf Gedeih und Verderb von Herrschaften abhängig sein, die ihre Schulden bei Katalonien nicht bezahlen, während sie das Geld der spanischer Steuerzahler in ruinöse Hochgeschwindigkeitszuglinien (in 2014, immer noch 4 Milliarden €), in leere Flughäfen und in unnötige doppelte Verwaltungen immer weiter vergeuden.

5.Wir wollen nicht weiter von Herrschaften wie der Bildungsminister Herrn Wert abhängig sein, der Probleme schafft, wo keine sind und mehr Schulstunden für spanisch verlangt, obwohl bei uns die Noten für spanisch besser sind als im Rest von Spanien. Oder wie dem Innenminister Fernandez mit seinem „Gesetzt für öffentliche Sicherheit“ von sehr zweifelhafter demokratischer Qualität.

6.Wir wollen nicht weiter als Egoisten, unsolidarisch und provinziell beschimpft werden, während wir zu den spanischen Finanzen mehr beitragen als unseres Wirtschaft erlaubt, und der Staat der ist, der sich unsolidarisch beträgt und seine vereinbarten Pflichten nicht nachkommt.

Und ich muss Sie enttäuschen: Ich bin kein blinder und rabiater Ultranationalist. Ich bin nur einer von Tausenden und Abertausenden Katalanen, die nach Francos Tod die Hoffnung hatten, Seite an Seite mit den Brüdern von ganz Spanien ein neues und prosperierendes Land aufbauen zu können, wo jedes seines Völker respektiert wäre und sich im Einklang mit seiner Kultur und seiner Geschichte leben könnte. Diese Hoffnung ist vollkommen enttäuscht worden. Sogar Jordi Pujol, ein Politiker, der alles mögliche getan hat, um Katalonien in Spanien in vernünftige Weise einzupassen, hat das Scheitern dieser Politik akzeptieren müssen. Viele der Enttäuschten wie ich sind jetzt für die Unabhängigkeit aus tiefster Überzeugung, aber nicht wegen irgendeiner Abneigung oder Hass gegen die spanische Nation. Sie werden in Katalonien keine Hasstiraden hören wie jene, die in Spanien oft gegen Katalonien zu hören und zu lesen sind. Was wie empfinden, ist es oft Empörung wegen der groben Handelsweise der jetzigen politischen spanischen Eliten, und haben gleichzeitig eine tiefe Traurigkeit wegen so viele enttäuschter Hoffnungen.

Mit freundlichen Grüssen





Pere Grau

 

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