Freitag, 24. Oktober 2014

Frei sein, zu entscheiden -- Entscheiden, frei zu sein

Ich erinnere mich an ein Interview mit einem bekannten katalanischen Geschäftsmann, der sich der sozialen Verantwortung der Unternehmen stets sehr bewusst war, die oft bloß als Marketinginstrument ohne Seele verwendet wird. Dieser Geschäftsmann versicherte, dass “wir Menschen dazu verurteilt sind, gute Jungs zu sein”. In diesen Zeiten, in denen mein Land lebt, kam mir meine wahre Heimat in den Sinn: Katalonien. Diese mediterrane und europäische Nation, die mehr als tausend Jahre Geschichte hat, verlangt ohne Ende die Ausübung der Demokratie -- das heißt, über seine Zukunft frei zu entscheiden. Aber Spanien lehnt dies ab. Ja, Spanien lehnt es ab, offensichtlich ohne zu wissen, dass die Menschen dazu verdammt sind, gut zu sein UND demokratisch zu handeln. Und ich rede hier von Menschen und nicht von Staaten, Ländern oder Nationen, denn am Ende sind diese alle Ansammlungen von Menschen.

Was will eine große Merkmal der Katalanen also wirklich? Natürlich frei sein, oder -- falls es Ihnen besser gefällt -- frei sein zu entscheiden ohne mehr als das Wesen der Demokratie anzuwenden: die Wahl. Wenn ich mich als frei ansehe, habe ich die Möglichkeit zu entscheiden und wenn ich entscheide, dann Übe ich meine Freiheit aus. Und von dort aus hängt das, was entschieden wird, schon von der Freiheit ab: egal ob es eine Union mit Spanien ist oder das Wiedererlangen der Unabhängigkeit, die uns vor genau 300 Jahren mit Waffen entrissen wurde.

Viele Male schon wurden wir gewarnt, dass Probleme nicht mit einfachen Lektüren gelöst werden und dass man normalerweise in die Analyse eintauchen muss. Richtig. Aber oft ist es auch die einfache Lektüre, die einfache Reflexion, die die Situation klärt und fast objektiv betrachten lässt. Wenn Spanien Katalonien nicht erlaubt, über seine Zukunft zu entscheiden, dann ist das, weil Spanien Katalonien für niedriger hält -- genauso, wie über Jahrhunderte hinweg die Weißen die Schwarzen für niedriger hielten, bis die Gleichheit ihrer Rechte anerkannt wurde. So einfach ist es.

Und Katalonien ist müde. Wie die schwarze Bürgerin Rosa Parks 1955 in einen Bus gestiegen ist und sich auf einen Platz für Weiße setzte, weil sie sich dazu entschloss, frei zu sein ihren Hintern dort zu platzieren, wo sie möchte und sich auch frei dazu fühlte, genau das zu tun -- genau so zieht Katalonien den Emanzipationsprozess durch. Katalonien handelt so, weil es sich nicht als niedriger fühlt oder ansieht und behandelt Spanien deshalb wie einen Gleichgestellten.

Die spanischen Machthaber sehen die Wahlurnen wie Panzer und -- um Ramon Muntaner frei zu zitieren, den Autor einer der großen Chroniken des Mittelalters, die politische, familiäre und militärische Gegebenheiten von einigen der größten katalanischen Könige beschreiben -- die Katalanen werden genauso “mit Freude und Lust in den Kampf ziehen, so wie die anderen es mit Kraft und Angst tun”. Wenn man “in den Kampf ziehen” mit “zu den Wahlurnen gehen” austauscht, dann hat man eine exakte Beschreibung dessen, was inmitten des Jahres 2014 in Spanien passiert. Besser gesagt, sie gehen nicht einmal zu den Wahlurnen, wenn das Thema sie nicht interessiert.

Und das wird in Madrid entschieden, um genau zu sein im Abgeordnetenhaus, wo der Alkohol, den die Herrschaften einnehmen, vom spanischen Staat subventioniert wird. Ja, am selben Ort wo ohne die spanische Verfassung zu respektieren, die die Gebietseinheit festlegt, bis zum Überdruss wiederholt wird, dass es keine Demokratie gibt und vergessen wird, dass das Vereinigte Königreich, das keine Verfassung hat, Schottland erlaubt am kommenden 18. September 2014 eine Volksabstimmung durchzuführen. Außerdem wird vergessen, dass 1714 das gesamte katalanische Verfassungssystem in die Luft gejagt wurde und die wenigen übrigen Exemplare der letzten Verfassung, die 1706 verabschiedet wurde, öffentlich verbrannt wurden, um sich über die Katalanen lächerlich zu machen. Das heißt, dass die Katalanen eine Verfassung hatten, die buchstäblich von den Vorgängern derer vernichtet wurde, die sich heute damit rühmen, eine zu haben als wäre es eine heilige Schrift.

Ich sage dies, weil vor der Abdankung des König Juan Carlos I zugunsten von Felipe VI -- derjenige, der Katalonien 1714 vernichtete war Felipe V -- Spanien vor den Spiegel gestellt wurde und man sah wie hässlich und angsteinflößend es in Wirklichkeit ist. Und weil hier die Schuld nicht mehr auf die Katalanen geschoben werden kann, weil es ein Teil Spaniens war, das die Volksabstimmung verlangt hat, um zwischen Monarchie und Republik zu entscheiden. Und weil in genau diesem Moment die spanische Regierung auf ihre Bürger genauso wie auf die Katalanen regiert hat: “die spanische Verfassung sieht eine Monarchie vor und Ende.” Ach, und Sie haben es wahrscheinlich übersehen: am 19. Juni, dem Tag der Krönung von Felipe VI, war es 307 Jahre her, dass sein Vorgänger Felipe V die Stadt Xàtiva im alten Königreich von Valencia zerstört und niedergebrannt hat um sie umzutaufen auf “Nueva Colonia de San Felipe”, weil sie ihre Chartas und Verfassungen verteidigt hat.

Klingt wie eine Absichtserklärung, oder?


David de Montserrat i Nonó

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