Freitag, 10. Oktober 2014

Offener brief an den neuen Spanischen König Felipe VI

Majestät:

Obwohl ich ein überzeugter Republikaner und ein entschiedener Anhänger der katalanischen Unabhängigkeit (das letzte, dank des spanischen Verfassungsgerichtes), wende ich mich an Euch mit denselben respekt und Höflichkeit, die für alle Staatschefs (mehr oder weniger) demokratischer Länder angebracht sind.


Ich habe keinen Zweifel, dass Ihr durch Charakter und Bildung fähig sein würdet, in normalen Ländern wir jene des benelux oder aus Skandinavien ein guter König zu sein. Ich habe auch keine Zweifel, dass ihr sehr gute Absichten habt und vielleicht sogar die Hoffnung hegt, die Probleme des Staates auf einen Weg zu bringen, der Euch einen würdigen Platz in der Geschichte des Landes sichert. Aber anstatt, wie es normal wäre, meine Gratulation zu den vielen anderen, die Ihr bekommen habt zu addieren,möchte ich Euch mein Beileid bekunden, da Ihr Euch mit riesigen Herausforderungen konfrontiert seht und dazu von Anfang an mit Nachteilen, die fast unmöglich zu überwinden sind. Und weil man auf Eure Schulter eine „mission impossible“ geladen hat, sodass Ihr (ohne Eure Schuld) viele der hoffnungen, welche die Spanier in Euch haben können, werdet enttäuschen müssen.

Der erste der Nachteile, und vielleicht der schwerste, ist, dass Ihr, wie Euer Vater und alle anderen vorherigen Könige Eurer Dynastie, in einem eingebildeten Spanienbegriff erzogen worden seid, der mit der Realität seiner Völker nichts zu tun hat, ein Begriff, der sich jetzt in den Händen der spanischen Politiker auflöst, weil sie ihre Politik nicht rechtzeitig der Realität angepasst haben. Unmöglich war es nicht. In den Jahren der Herrschaft Eures Vaters gab es viele Gelegenheiten das Steuer herumzureißen, sodass der spanische Staat in der Lage gewesen wäre, die spanische Nation mit den anderen innerhalb des Staates einzupassen und zu versöhnen, sodass diese sich nicht mehr herabgewürdigt, ignoriert oder beschädigt gefühlt hätten. Das Bild der „einzigen“ spanischen Nation mit ihren „geliebten Provinzen und Regionen“ ist wie ein am Hals der Spanier hängendes Mühlrad, das ihnen verhindert hat, einen höheren und fortschrittlichen Platz in der Welt zu erreichen.

Der zweiter Nachteil besteht darin, mit einer politischen klasse arbeiten zu müssen, in der man nirgendwo echte Staatsmänner (oder Frauen) sehen kann. Eine politische Klasse, die mehrheitlich anstatt zu arbeiten mit dem Ziel die Spanier mit der Idee eines wirklichen Vielvölkerstaates anzufreunden, die Schlucht, welche die spanisch/kastilische Nation von den anderen trennt, wegen kurzsichtiger Parteiinteressen noch erweitert hat. Erlaubt mir einen Vergleich. Wenn Ihr an Eure Seite einen spanischen Churchill hättet (einen wirklichen, nicht einen der sich einbildet es zu sein) würdet Ihr vielleicht die Möglichkeit eines Erfolgs haben (obwohl ich persönlich meine, dass dafür schon zu spät ist). Die andere Seite der medaille: wenn Großbritannien im zweiten Weltkrieg anstatt von Churchill von irgendeinem der jetzigen spanischen Politikern regiert worden wäre, hätte Hitler den Krieg gewonnen. Aber da eskeine anderen politiker gibt, als jene die einem zur Verfügung stehen, sehe ich schwarz für Euch. Und ich bedaure es sehr.

Um Euch die Meinung der Mehrheit der Einwohner Kataloniens zu erläutern, die so anders ist als alles was man Euch gelehrt hat: Eine Nation wird von jenen gebildet, die freiwillig, ohne jeden Zwang, sich als Teil derer fühlen, weil es das ist was Kopf und Herz ihnen diktiert; weil sie es nicht als ein Joch betrachten, das - in welcher Form auch immer – sie unterdrückt und sie zwingt etwas zu tun, dass sie als wirklich freie Bürger nie tun würden. Die spanische Nation – eine große Nation mit vielen Gründen für einen berechtigten Stolz – wird also nicht von all denen gebildet, die in den grenzen des Staates leben, vielleicht aus dem einzigen Grund erobert worden zu sein oder durch dynastischen Zufälligkeiten in denen das Volk nichts zu sagen hatte. Die bildet sich aus denen, die sich zu ihr zugehörig fühlen, die nie wegen der bloßen Tatsache eine andere Sprache zu haben, oder andere Bräuche, Traditionen oder Institutionen als das mehrheitliche spanische Volk, verfolgt wurden. Diesen „gezwungene Spanier“ hat man nicht erlaubt „überzeugte Spanier“ zu werden. Und jetzt in einer Zeit, in der die Gewalt in der westlichen Welt verpönt ist, wird die Ernte aller diese Unrechte, die man in frei Jahrhunderte gesät hat, auf Euren Tisch landen und Euch frühzeitig weiße Haare bescheren.

Neulich hat man für euch Gespräche mit vermeintlichen Vertretern der bestimmenden Kräfte in Katalonien vermittelt. Lasst Euch nicht täuschen. Diese Leute vertreten nicht die Mehrheit des katalanischen Volkes. Sie vertritt nicht einmal die Mehrheit der katalanischen Unternehmer. Sie repräsentieren sicherlich eine gewisse Finanzkraft, die aber in der Politik nicht entscheidend ist. Ihre Ergebenheitsadressen und ihre Empfehlungen werden Euch nicht bei dem „katalanischen Problem“ helfen eine Lösung zu finden - der in Wirklichkeit ein viel größeres „spanisches Problem“ ist -.

Die Mehrheit der Katalanen – wie die Wahlurnen jedes mal zeigen – betrachtet sich als losgelöst von Spanien und will nur eine friedliche, demokratische, zivilisierte Form der Trennung erreichen, die erlaubt so wenig Scherben wie möglich zu hinterlassen. Eure große Chance in die spanischen geschichte als einer der größten Könige des Landes einzugehen wäre, eine Trennung ohne Traumata zu erreichen, die eines Tages (warum nicht?) eine neue hispanische konföderale Union innerhalb der EU ermöglichen könnte. Das würde natürlich eine tiefe Erneuerung der spanische Politik erfordern, die sich der Wirjlichkeit anpasst und auf alle historische Entstellungen (die genau so falsch wie unnötig sind) verzichtet. Die Wichtigkeit des spanischen Volkes, dass die spanische Nation bildet, weil es so fühlt, hängt nicht davon ab, über wieviele Völker oder Territorien es herrscht sondern davon, was es zu schaffen fähig ist, sowohl allein wie auch in Zusammenarbeit mit allen seinen Nachbarn, wie wir Katalanen auch solche sind.

Es ist eine Vision die vielleicht zu erreichen wäre. Ich würde mir wünschen, dass es für Euch ein gangbarer Weg wäre, ein Weg der aus Euch einen grossen Monarch machen würde. Aber ich muss gestehen, dass ich über Eure Möglichkeiten schwarz sehe. Die während Jahrhunderten gelebte Lüge hat eine zu starke Schicht auf die Gehirne gelegt, die nicht eben leicht mit Salben zu entfernen ist, sondern mit einer chirurgische Operation, die für den alten, irrigen und tiefverwurzelten Stolz notwendigerweise schmerzhaft werden kann. Vielleicht würde es Euch mit genügender Zeit gelingen. Aber Ihr müsst Euch vergegenwärtigen, dass sehr wenig Zeit bleibt, weil die Katalanen (und vielleicht nicht nur diese) die Geduld endgültig verloren haben; weil der Moment gekommen ist, in dem wir uns entschlossen haben, ein für allemal „Genug!“ zu sagen, und niemand wird uns halten können.

Wenn ich mich irre, und es Euch gelingen würde, dass wir in Frieden und Entracht trennen können (was eines Tages eine Wiedervereinigung von Gleich zu Gleich erleichtern würde), wäret Ihr der energischte und größte König, dass das leidgeprüfte spanische Volk je gehabt hätte. Ich habe aber keine Hoffnung, dass das geschehen könnte und Eure erste rede hat meine Befürchtungen bestätigt. Und, Majestät, ich bedaure es sehr. Euretwegen und unserer aller.

Pere Grau



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