Samstag, 1. November 2014

Katalonien träumt gefährliche Wunschträume






Brief an der Frankfurter Allgemeine Zeitung über den Artikel von Leo Wieland "Katalonien träumt gefährliche Wunschträume", in der FAZ vom 30.10.14.


Sehr geehrter Herr Frankenberger,

Sehr geehrter Herr Kohler,

Sehr geehrter Herr Nonnenmacher,


In den letzten Jahren habe ich mehrmals auf die Unsachlichkeit der Artikeln Leo Wielands angewiesen, wenn diese sich auf Katalonien bezogen. Um am Ende von Ihnen nicht als ewiger Querulant abgestempelt zu werden, hatte ich damit aufgehört, obwohl ich mehr als einmal einen Grund zum Protest gehabt hätte.

Der o.g. Artikel von Herr Wieland, kann man aber nicht unkommentiert durchgehen lassen. Um es erst einmal meinen Eindruck zusammen zu fassen: für Herrn Wieland ist alles Negative was von spanischer Seite über Katalonien verbreitet wird, so wahr wie das Evangelium für einen Gläubigen. Aber alles, was von katalanischer Seite dagegen argumentiert wird, ist falsch, verlogen oder Wunschträumerei. Ich werde meine Kritik sehr schematisch darlegen müssen, um Ihre Geduld nicht über Gebühr zu strapazieren. Für weitere von Ihnen gewünschte Erläuterungen stehe ich selbstverständlich jederzeit zu Ihrer Verfügung. Und jetzt zu den Behauptungen von Herrn Wieland.

- Schottland ist mehrere Jahrhunderte lang ein unabhängiges Königreich. Katalonien aber nicht. Falsch. Katalonien war unabhängig ab 988 bis 1714, erst allein, dann konföderiert mit Aragonien und später konföderiert mit Kastilien als Königreich Spanien. In Katalonien galten nur die Gesetze, die vom katalanischen Parlament verabschiedet wurden, und kein König Spaniens war König Kataloniens ohne seinen Eid auf die katalanischen Gesetzen geleistet zu haben.

-"Über die Kosten und Risiken dieses politischen Abenteuers reden die katalanischen Nationalisten nur ungern". Falsch. Es gibt sehr viele Studien darüber. Es wurden und werden überall in Katalonien Vorträge darüber abgehalten, und nirgendwo meint man (wie Ihrer Korrespondent behauptet), dass die Unabhängigkeit die Tür zum Schlaraffenland sei. Es werden immer nur die Sachargumente gegen die Angstmache aus Madrid erläutert. Ein Beispiel von vielen können Sie finden in der englischen Version eines von katalanischen Wirtschaftswissenchaftlern geschriebenen Buches "The Economy of Catalonia":

http://www.profiteditorial.com/libros-de-empresa-y-negocios/publicacions-en-catal%C3%Ao/economy-catalonia


- "...dann gäbe es keinen lästigen innerspanischen Finanzausgleich mit ärmeren Regionen... Milch und Honig, so der Wunschtraum, begännen zu fließen". Falsch. Die Katalanen haben nie etwas gegen eine Solidarität mit ärmeren Regionen gehabt, wohl aber dagegen, dass diese Solidarität weit über die Möglichkeiten Kataloniens in unerträglicher Masse beansprucht werden würde. Und Ihr Korrespondent sollte eigentlich wissen, dass die Katalanen nicht als Träumer gelten sondern, dass sie den Ruf haben höchst nüchtern und pragmatisch zu sein. Und wir sind es jetzt mehr denn je.

- "Unabhängigkeitsskeptische Analysten der Societat Civil Catalana zeichneten gerade ein düsteres Panorama vor: eine Spaltung würde in Katalonien einen Kollaps und eine permanente Krise auslösen". Falsch. Diese SCC (Katalanische Zivilgesellschaft) ist eine sehr kleine und bedeutungslose Gruppe von rabiaten Gegnern der Unabhängigkeit. Sich auf die Meinung dieser Leute zu berufen, ist vergleichbar mit dem Versuch eine Studie über die deutsche Demokratie mit der Meinung der NPD zu begründen. Das Umfeld dieser Leute besteht grösstenteils aus Nostalgikern der Franco Diktatur und rassistischen Xenophoben.

- Der Handelsaustausch mit Spanien ist 45 % des Gesamtvolumens. Falsch. Zur Zeit ist es ungefähr ein Drittel, Tendenz absteigend. Ein spanischer Boykott würde Spanien mehr Schaden als Katalonien.

- Die ausländischen Investitionen würden wegen der Unsicherheit austrocknen. Sehr zweifelhaft. 2013 und 2014 sind die ausländischen Investitionen in Katalonien, trotz des sich abzeichnenden Weges zur Unabhängigkeit, nicht vermindert sondern gesteigert worden, und die in Katalonien tätigen Firmen haben in der Regel Pläne, um sich an die Veränderungen flexibel anzupassen.

- "Katalonien... ist mit mehr als 60 Milliarden Euro die am stärksten verschuldete Region Spaniens...liegt zunehmend am Madrider Tropf...und hatte Milliardentransfusionen der spanische Regierung nötig um die Löhne im öffentlichen Dienst bezahlen zu können". Dazu folgendes in Stichworten: 60 Milliarden Schulden entspricht weniger als 30 % des katalanischen BIP. Viel weniger als fast alle europäischen Länder und keine Tragödie, wenn Katalonien über seine eigene Mitteln verfügen könnte. Was die "Hilfe" der Madrider Regierung angeht, kann man es sich wie folgt vostellen: erst nimmt Madrid aus Katalonien jährlich zwischen 10 und 14 Milliarden mehr als es sollte und leiht dann von diesem Geld (gegen saftige Zinsen) einen Teil an die katalanische Regierung um Probleme zu lösen, die man mit einer gerechten Behandlung nicht hätte. Soviel zu der "Solidarität" Madrids.

-"Katalonien müsste 100 Milliarden der spanischen Schulden übernehmen, und wäre zu klären wer denn nun die Renten zu bezahlen hätte". Erstens: Katalonien wird nur einen Teil der spanischen Schulden übernehmen, wenn mit Spanien ein einvernehmlicher Weg zur Unabhängigkeit vereinbart ist. Eine Verpflichtung dazu besteht nicht. Das wäre Verhandlungsmasse für eine Einigung mit Spanien. Es würde dann aber nicht nur über Passiva sondern auch über Aktiva zu sprechen sein, was die Last der übernommenen Schulden abfedern würde. Und die Renten würden kein Problem sein, da sie (wie in Deutschland) von den laufenden entsprechenden Lohnabgaben finanziert werden.

-"Katalonien würde nicht in der EU bleiben können". Das ist keineswegs ausgemacht, da keinen Präzedenzfall gibt und keine Regelung dafür existiert. Aber auch ausserhalb der EU könnte es durch eineb Status wie die EFTA Länder mit bilateralen Verträge nmit der EU bequem überleben.

-Herr Wieland zitiert wieder den Korruptionsfall in der Familie Pujol. Was da am Ende an Strafbaren ans Licht kommt, wird entsprechend geahndet werden, sei es von spanischen oder von katalanischen Gerichten. Aber dieser Fall, so enttäuschend er für die Katalanen ist, hat keinerlei Einfluss auf den Unabhängigkeitsprozess. Er gehört zur Vergangenheit, und man möchte durch eigene Gesetze solche Fälle in Zukunft wesentlich zu erschweren .

Zu diesem Artikel von Herrn Wieland, genau wie zu seinem Vorherigen vom 17.10 "Die freie Wille der Vollstrecker", könnte ich noch ein paar Seiten schreiben. Ich habe aber schon genug Ihre Geduld strapaziert. Die Katalanen, die in Deutschland leben sind (um es höflich auszudrücken) nicht gut auf Herr Wieland zu sprechen. Ich würde mir von einer der besten Zeitungen der Welt, wie es die FAZ ist, eine objektivere Berichterstattung über meine Heimat wünschen.

Mit freundlichen Grüße

Pere Grau


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